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    Die Filmdemenz

    Von Andreas Kesberger am 27.03.2010 0 Kommentare
    Kategorien: Archivierung

    Ein wenig ist das ja so wie mit den Aufschriften auf den Zigarettenschachteln. Rauchen ist schädlich. Irgendwie, irgendwo und vor allem irgendwann. Zumindest wenn man nicht Helmut Schmidt heißt. Spannend ist für alle anderen ja besonders das wann. Wenn es denn mal so weit ist, ist es meistens zu spät. Trotzdem hat man es vorher gewusst.

    So ähnlich ist das bei unseren Filmen. Natürlich ist Lungenkrebs für Fotografen weit schlimmer als ein zerstörter Negativbestand. Für den Film selbst ist das dagegen durchaus vergleichbar. Schlimmer geht es kaum.

    Wir wissen es schon lange. Die überwiegende Mehrheit unserer Kleinbild- und Rollfilme verfügt seit Jahrzehnten über einen Zellulosetriacetatträger. Als dieser auf den Markt kam, war er ein Segen. Wäre „Inglorious Bastards“ Realität gewesen, dann hätte der bis dahin vorherrschende Nitratfilm Menschenleben gerettet, in dem er Hitler den Garaus gemacht hätte. Aber jenseits der Fiktionalität war es meistens umgekehrt. Nitratfilme haben mit unzähligen Kinobränden dafür gesorgt, dass die Freude an der Fiktion ganz schnell in bittere Realität umschlug. Der Projektor blieb hängen, woraufhin das Filmstück sich durch die Projektionslampe aufheizte und da leicht entflammbar erst den Rest vom Film und dann den Rest vom Kino in Brand steckte.

    Darum stand auf dem Zellulosetriacetatfilm bei Kodak ewig „Safety-Film“ über der Perforation. Es hat zwar von der Erfindung des neuen Trägers Anfang des 20. Jahrhunderts bis zu seiner Durchsetzung kurz nach dem Zweiten Weltkrieg recht lange gedauert – Orwo hat sogar noch bis in die 1960er Nitratfilme produziert -, aber im Kino war man dann endlich sicher. Nur die Filme selbst, die waren es nicht. Zumindest auf Dauer. Denn natürlich freute sich Hollywood über nicht abbrennende Kinos und nutzte das neue Material ausgiebig. Die Freude kühlte schlagartig ab, als die ersten zerstörten Kinofilme im Archiv gefunden wurden. Von den alten Nitratfilmen, die man – hoffentlich – längst umkopiert hatte, kannte man das. Von den Triacetatfilmen nicht. Dabei gilt hier Nomen est Gestank. Denn die Forschung, die durch diese Schäden erst angestoßen wurde – bei allem Respekt vor unser aller Kunst, steckt in einem zerstörten Film doch mehr wirtschaftliches Drohpotential als einem zersetzten Kleinbildnegativ -, zeigte, dass das Trägermaterial im Laufe der Zeit Essigsäure abspalten kann. Essigsäure, die den unangenehmen Nebeneffekt hat, den zu diesem Zeitpunkt noch nicht beschädigten Filmteil anzugreifen.

    Der Konservierungsforschung hat dieser Anschub gut getan. Den Filmen sicherlich nicht. Erstmals aufgetreten sind diese Schäden bei der Konstellation viel Film auf engstem Raum unter Luftabschluss, sprich Kinofilm in der Blechdose. Leider hat das dazu geführt, dass Anwender und Hersteller dieses Problem für den Fotobereich nicht wirklich ernst genommen haben. Mit einzelnen Filmstückchen in einem großen Ablageblatt, so dass nie Film an Film liegt, fühlte man sich lange relativ sicher. Leider. Denn die Bombe tickt, und langsam rücken die Einschläge näher.

    Nach und nach beschleicht einen eher die Ahnung, das die Filme bisher nur noch nicht alt genug waren, um sich zu zersetzen. Manchmal ist es schlicht das Alter, dass diese Zerstörungsprozesse in Gang setzt, manchmal ist auch eine Änderung in den Lagerbedingungen, die dafür sorgt. Eine andere Temperatur, eine andere Luftfeuchtigkeit beim Umzug in den Neubau und fertig ist die Selbstzerstörung. Dementsprechend schwer sind diese Prozesse auch vorherzusagen. Dafür sind sie zu klimaabhängig. Wissenschaftlich korrekt wäre es folglich nur konsequent, sich konkreten Jahreszahlen zu verweigern. Aber da das ja ein Blog und keine Doktorarbeit ist, wagen wir mal eine Einschätzung. Unter 30 Jahren ist eine Schädigung in unseren Breiten unrealistisch. Wenn das Essigsäuresyndrom „schon“ nach 40 Jahren häufig auftreten würde, wären wir im Alltag viel häufiger damit konfrontiert. Aber bei Filmen, die aus den 50er Jahren stammen, kennen wir solche Schäden. Und wir? Wir werden ja auch nicht jünger. Mit uns altern unsere Filme.

    Aber was tun? Wer heute analog fotografiert und das abends im Forum damit begründet, dass er kein Vertrauen in die Haltbarkeit digitaler Daten hat, der sollte das wirklich nur mit Polyesterträger tun, wie es für Kinoproduktionen längst selbstverständlich ist. Bei Planfilmen ist dieses Trägermaterial in der Mehrheit. Letzte Sicherheit bietet ein Blick ins Datenblatt. Weitaus dramatischer sieht es bei Kleinbild- und Rollfilmen aus. Hier gibt es nur im Sortiment von Rollei erfreulich viele Filme mit Polyesterträger. Bei Kodak, Fuji und Ilford findet sich im Standardsortiment dagegen kein Vertreter dieser Haltbarkeitsfraktion. Er neigt eben mehr zum Rollen und sollte in der 135er-Version tunlichst nicht in der prallen Sonne eingelegt werden, da sonst der Träger wie ein Glasfaserkabel wirkt und die ersten paar Bilder belichten kann.

    Aber was ist mit den Körnern, die schon auf Zellulosetriacetat belichtet sind? Erst einmal gelten die allgemeinen Archivnormen. Je kühler und trockener, desto hält es. Schwieriger ist es beim Material der Archivhüllen. Kunststoffablageblätter können den Zerstörungseffekt beschleunigen, da der Essig vor Ort bleibt und den Rest angreift. Gleichzeitig schützt der Kunststoff die Nachbarfilme besser. Insgesamt werden wir vermutlich einen Trend zur Endlagerung in Papier erleben, wenn vorher eine hochauflösende Digitalisierung erfolgt ist und man mit den Negativen nur noch sporadisch arbeiten muss und daher die Handlingnachteile verkraften kann. Pergamin ist da auch keine wirkliche Lösung, da es zum einen eine höhere Verdichtung und damit stärkere Barrierewirkung als Archivpapier zeigt und zudem in den Zeiträumen, in denen wir hier denken auch noch selbst zur Versauerung neigt.

    Wie lange der Exodus noch entfernt ist, lässt sich mit Hilfe von A-D-Strips übrigens auch feststellen. Daneben kann die Beigabe von Kodak Molekularsiebe im Archivbehälter die Essigsäure abfangen. Auch das ist nicht neu. Und eigentlich sind das Artikel, die im Zuge der allgemeinen Digitalisierung eher weniger nachgefragt werden. Was man zum Beispiel daran sieht, dass etwa Kodak die Mindestbestellmenge für Molekularsiebe soweit erhöht hat, dass man mit dieser mal so eben 1.749.600 einzelne Kleinbildfilme schützen kann. Doch mit zunehmenden Filmalter werden Hilfsmittel wie diese Dinge wahrscheinlich trotzdem immer nur noch wichtiger werden. Wir geben zumindest die Hoffnung nicht auf und werden die Molekularsiebe aus ihrer Dose befreien und künftig wesentlich kleiner abgepackt anbieten. Was dann allemal die sinnvollere Investition im Vergleich zu einer Zigarettenschachtel ist. Außer für…

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    Berlin-Weiden und zurück

    Von Andreas Kesberger am 13.02.2010 0 Kommentare
    Kategorien: Allgemein

    Berlin 03.45

    Es hat ja was unmenschliches morgens – nee, nachts um 3:45 Uhr aufzustehen. Berlin ist manchmal einfach viel zu weit im Osten. Zumindest für eine Dienstreise in den Westen. 5:11 Uhr Abfahrt der S-Bahn. Ankunft 11.45 Uhr. Rückfahrt um 18:09 Uhr und Ankunft dann um 1:11 Uhr. Ist das jetzt noch normal oder einfach nur krank. Bei meinem bisherigen Tagesrekord bei der letztjährigen Paperworld hat irgendwann der Elan dann doch merklich nachgelassen. Da ist das heute doch konsequenter die Gespräche, die den Anlass der Reise bilden, gleich in die toten Stunden am Nachmittag zu legen. Aber machen wir den Selbstversuch. Wenn die Ausführungen im Laufe des Tages immer wirrer werden, bitte nicht wundern. Ich versuche mangels mobilem Netzzugang den Blog auch gleich nach der Rückkehr ins Netz zu stellen.

    Die erste Erkenntnis des Morgens liegt zumindest schon mal darin, dass es Nachbarn gibt, die um halb fünf Schnee schippen. Wenn die Straßenbahn schon gefahren wäre, hätte ich das glatt verpasst.

    Wittenberg 6:30

    Der Zug – leer. Das Gefühl – dumpf, dass es nicht so bleiben wird, Der Akku – voll.

    Bitterfeld 07:02

    „Unser Zug konnte auf Grund einer Störung den Bahnsteig Bitterfeld nicht erreichen. Wir werden deshalb in Kürze den Zug zurücksetzen.“ War ja auch noch ziemlich dunkel und so einen großen Bahnhof kann man ja schon mal übersehen.

    Ah, da kommt ja schon der Lokführer durch den Zug. Das nennt man wohl dann den Bitterfelder Weg. Der Rückweg geht er lieber außen rum zur Lok.

    Verspätung vorher sieben Minuten. Umsteigezeit sechs Minuten. Und jetzt? Jetzt sind es 22 Minuten.

    Bad Köstritz 09:20

    Es waren dann doch 30 Minuten. Der Anschluss-ICE war natürlich schon weg. Von der Zugbegleiterin („Er sagt, es war ein Defekt“) gibt es die Aufhebung der Zugbindung und vom Infoschalter eine neue Verbindung. Statt ICE mittels zweier Regionalexpresse quer durch Deutschland. Mit nur einer Stunde Verspätung

    Gera-Süd 10:20

    Abfahrtszeit ist 10:11, aber laut der Durchsage: „Der Regionalexpress nach Regensburg hat auf Grund von Zugfolge 10 Minuten Verspätung:“ „Zugfolge klingt nach anstrengender Krankheit, kann aber wohl medikamentös behandelt werden. In Gera-Süd bleiben wir aber gerne noch länger. Warum der Computer der DB ausgerechnet Gera-Süd als Umsteigebahnhof mit halbstündigem Aufenthalt auserwählt, bleibt sein Geheimnis. Der Bahnhof besteht aus einem Bahnsteig. Geht man runter, ereilt einen die Erkenntnis, dass hier äußerst robuste Naturen leben, da der hiesige Biergarten „täglich geöffnet“ hat. Es schneit weiter.

    Außerdem ist Wolf Maahn immer noch auf Tournee, schlappe 25 Jahre nachdem „Kleine Helden“ mal beim Musik Express Album des Monats mit sechs Sternen war. Und Professor Liebe wird im Park vom Verein der Freunde der Singvögel geehrt. Ich reisse mir im Zug beim Hinsetzen – hier eher beim Draufsetzen – den Aufhänger meines Wintermantels ab. Der hat auch nur acht Jahre gehalten.

    10:50 Irgendwo

    Die Lieben Kollegen aus Kassel haben ihren Anschlusszug auch verpasst. Der Bitterfelder Weg ist scheinbar überall. Jetzt kommen wir doch alle zusammen um 12:45 an. Ansonsten sehr idyllisch hier.

    11:52 Hof

    Auch schön hier. Aber nach 20 Minuten lässt auch die Attraktivität des Hofer Bahnhofs nach. Wir fahren diesmal nur mit 12 Minuten Verspätung los.

    13:00 Weiden

    Das Ziel der Reise. Aber dank 17 Minuten Verspätung sind die lieben Kollegen jetzt doch früher gekommen. Aber auch egal. Dafür läuft der Termin in angenehmer Atmo und durchaus potentiell ertragreich für beide Seiten.

    18:09 Weiden

    Nach knapp fünf Stunden geht es wieder zum Bahnhof. Rüber auf das Gleis. Die Rückfahrt kann beginnen. Der vorherige Zug fehlt noch. Egal. Dann kommt die Durchsage von der Maschinenstimme: „Der Zug um 18:09 nach Nürnberg fällt aus. Wir bitten um Entschuldigung.“ Ähem. Das war der letzte an diesem Tag nach Berlin. Aber noch steht er auf der Abfahrttafel. Wenn wir jetzt rüber gehen, um zu fragen, dann fährt er vielleicht gerade ein und ist weg. Hmh. Warten. Fünf Minuten später die Wiederholung der Ansage. Zwei Minuten später steht es dann auch auf der Tafel: „Zug fällt aus.“ Warum auch nicht. Also rüber in die Wartehalle, Der Schalter hat eigentlich schon zu, aber der Herr am Schalter macht noch Überstunden. Dafür aber auch keine Anstalten die Schuld auf das Wetter zu schieben. „Die Züge hätten schon seit fünf Jahren ausgetauscht werden sollen.“ Die Freiheit kurz vor der Pensionierung zu stehen, macht ehrlich. Aber wer die Berliner S-Bahn im aktuellen Zustand kennt, findet sowas sowieso ganz normal.

    Dafür stellt sich heraus, dass auch nach Kassel jetzt kein Zug mehr geht. Und auch für ein Taxi zum Nürnberger Bahnhof ist es schon zu spät, bis wir endlich an der Reihe sind um uns unsere Zugverspätungsquittung abzuholen. Ich lege sie zu der vom Vormittag. Geht langsam in Richtung Überporto. Durch den Hinterausgang werden wir herausgelassen, da beim erneuten Öffnen der Vordertür schon Tumulte befürchtet werden.

    Am Automaten spiele ich diverse Nachtversionen durch, um doch noch nach Berlin zu kommen. Das günstigste ist es Mitten in der Nacht zwei Stunden in Magdeburg zu warten. Aber dazu müsste der Zug nach Nürnberg erst einmal kommen.

    19:10 Weiden

    Jetzt müsste er losfahren. Aber vorher müsste er erst einmal in der anderen Richtung durchfahren. Tut er aber erst mal nicht. Als er kommt, springt die Anzeige dauernd zwischen Neustadt und Nürnberg hin und her. Zumindest weiß der Lokführer wo er jetzt hinfährt. Erst mal nach Neustadt und dann wieder zurück. Bis wir einsteigen können, hat sich zumindest die Magedeburg Option endgültig erledigt. Dafür steigen kurz danach viele alkoholisierte Amerikaner vom Truppenübungsplatz ein, mit dem Ziel sich später in Nürnberg noch weiter zu alkoholisieren. Das scheint zu gelingen

    21:00 Nürnberger

    Der Infopoint zaubert den Nachtzug nach Berlin heraus und schickt die Kasseler ins Hotel nach Frankfurt. Mit etwas Glück kriegen wir dann gleich den ICE nach Frankfurt. Erleben einen netten Speisewagenkellner – „Was Sie auf der Karte sehen, gibt es alles nicht“ – Alles alle oder kaputt oder egal, aber es gibt noch Currywurst und Erbsensuppe. Und dann dank glücklicher Fügung hält der ICE in Hanau neben dem Zugzielschild und am Gleis gegenüber steht ein 25 Minuten verspäteter Zug nach Kassel. Also raus mit dem Schließpiepen der Tür und gegenüber rein. Damit scheint zumindest für zwei die Nacht im jeweils eigenen Bett gerettet.

    23:10 Frankfurt

    Jetzt schnell noch bei Macdoof den Blog schreiben und vorher noch nach dem Gleis geguckt. Oh der Nachtzug fährt ja gar nicht vom Hbf. Mea culpa, ab nach Frankfurt Süd.

    0:00 Frankfurt Süd

    Und da, da bin ich jetzt gerade. Bei dem MacDonalds mit den kältesten Pommes der Welt (wieso kosten die jetzt 2,19 €, während im Fernsehen alle vor Freude über die Preise zu tanzen anfangen) und einem Zwerg neben mir am Tisch. Liest sich gleich so nicht gewollt diskriminierend, aber so muss man sich das wohl vorstellen, wenn Schneewittchen schon lange nicht mehr da ist. Aber vielleicht ist meine Wahrnehmung auch schon langsam getrübt.

    0:50 Frankfurt-Süd

    Ganz am Ende des Bahnsteigs. Der Zug fährt gleich ein. In der Ferne sieht es gleich an zwei Wohnungsfenstern nebeneinander ziemlich nach Sex im Dämmerschein aus. Ein Licht geht wieder aus, aber bei mir will sich nur Neid nach dem Bett einstellen.

    Statt Neid jetzt Night. Rein in den City-Night-Line mit seinen auch nach fast 20 Jahren noch ziemlich futuristischen Klappsesseln. Zwei Plätze sind frei, aber erweisen sich im Laufe der nächsten halben Stunde genauso besetzt wie die nächsten beiden. Das ist das Los am Ende des Zugs, dass es dauert, bis man seine Plätze gefunden hat. Man sieht halt keine Reservierungsschilder im CNL. Dafür gibt es Sozialstudien beim Reklamieren des eigenen Platzes. Es gibt die, die einfach stehen bleiben, aber dreimal gefragt werden müssen bis sie endlich mit ja antworten, ob sie diesen Platz gebucht haben. Es gibt die angenehm pragmatischen, die sagen: „Das ist meiner.“ Es gibt die, die sich entschuldigen weil sie gesehen haben, dass man gerade eingeschlafen ist, und es gibt die Freunde dieser höflichen Frauen, die ganz entrüstet äußern: „Warum sitzen Sie da. Das ist nicht ihr Platz.“ Ich bin erst ganz begeistert weil ich verstanden habe, dass es nicht sein Platz ist und hänge meinen Mantel schon wieder hin. Schnell weg hier. Entweder bin ich taub auf dem Dialekt-Ohr oder die Wahnvorstellungen nehmen langsam zu.

    Der Bahn-Mitarbeiter hat dann noch die nicht ganz unwichtige Info, dass dieser Zug komplett „durchreserviert“ ist. Wieder ein schönes Wort gelernt.

    Also Flucht in den engen, lauten, kalten Flur neben der Toilette. Aber laut stört eigentlich nicht, da dafür das infernalische Schnarchen aus dem Großraumwagen nicht mehr hörbar ist. In die Hocke gehen klappt nicht, also hole ich erst mal mein Buch raus.

    2:30 Irgendwo

    Im nächsten Wagen kann man sich ganz gut auf den Boden kauern und dann sogar ein bisschen schlafen, solange niemand aussteigen möchte. Ich sitze zwar auf dem Verlängerungskabel, dass der Herr zwei Reihen weiter vorn quer durch den Zug für sein Laptop gelegt hat – ein echter Profi -, aber ich merke nix mehr.

    5:20 Schon wieder irgendwo

    Ein Platz wird frei. Eigentlich ganz bequem die Sessel. Ich schlafe ein.

    7:20 Berlin

    Ankunft am Hauptbahnhof. Sogar pünktlich.

    8:08 Köpenick

    Ankunft mit der Straßenbahn. 27,5 Stunden nach dem Aufbruch. Wird mal wieder Zeit zum Zähne Putzen.

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    Es gibt noch Karrieren

    Von Andreas Kesberger am 04.02.2010 0 Kommentare
    Kategorien: Allgemein

    Ursula von der Leyen hat ja nicht nur den älteren CDU-Mitgliedern erklärt, dass deren Kinder mittlerweile in anderen Familienzusammenhängen leben. Was dann gar nicht so schwer war, da Opas ja auch Spaß an Patchworkenkeln haben. Sie ist aber auch eine Meisterin des medialen Winderzeugens. Trotzdem werden wir sie hier gleich wieder verlassen, obwohl es hier um die „Rückblende“ geht, jenen Wettbewerb, der zum Ende des Jahres stets bewertet, was für Fotos denn bei all diesen Winden vom Jahr und Tag übrig bleiben. Da hat Zensursula letztes Jahr auch reichlich wenig zu beigetragen, wenn man von einem absurden Foto mit UvdL und Mariella Ahrens in einem Boot, sowie einem Schwan ohne Boot in der Ausstellung (Was das soll? Rettung der Weltmeere im Tiergarten? Erziehungsurlaub für Schwäne? Dschungelcamps für Väter die nicht rudern können? – wir wissen es nicht) absieht.

    Nein sie dient uns zum Einstieg, weil sie Hartz IV abschaffen möchte. Nicht die Zahlungen, auch nicht das Prinzip, sondern nur den Namen. Der ist  seinen Klang nach brasilianischen Altherrenbetreuerinnen längst losgeworden, aber nicht das schlechte Image. In der Werbung lernen wir zwar, dass reine Namensänderungen eh nichts bringen und Raider unvergessen ist, aber es wäre auch schade, da Hartz IV auch für alle, die es hochgeschafft haben, mit einem Wort definiert wo unten war. Und es gibt sie noch diese Karrieren. Wie wir vor einer Woche endlich einmal wieder miterleben durften.

    Die Rückblende ist ein Wettbewerb für politische Fotografie und Karrikaturen. Er hat sich auch zur Aufgabe gesetzt, das gerade abgelaufene politische Jahr in Deutschland abzubilden. Idealerweise kommen bei den Preisträgern dann auch fotografische und inhaltliche Qualität zusammen. Wir von Monochrom verleihen seit ein paar Jahren den Sonderpreis „Das scharfe Sehen“. Das tut hier eigentlich nichts zur Sache. Das beschreibt nur, warum wir auch dabei waren. Trotzdem noch einmal Glückwunsch an Andreas Rentz von Getty und Wolf Heider-Savall vom Focus.

    Die vom Gastgeber Karl-Heinz Klär in der Rheinland-Pfälzischen Landesvertretung in Berlin mal wieder kongenial initiierte und moderierte Preisverleihung ging schon langsam dem Ende und damit endlich dem Buffet zu. Wir hatten die lustigen Momente mit den Fotografen, Karrikaturisten und Preisverleihern erlebt, die peinlichen Momente überlebt („Haben Sie denn auch ein lachendes Bild mit Frau Merkel?“ „Das war nicht so der Termin.“ (mit Obama in Buchenwald)). Wir hatten also Hunger. Aber da war ja noch der erste Platz in der Sparte Fotografie. Immerhin dotiert mit 8.000 €. Darauf zu sehen Guido Westerwelle wie er im auswärtigen Amt vor den Mitarbeitern die Amtsgeschäfte übernimmt. Mit einem Strahlen und einer Genugtuung und voller Stolz als könnte er gleich abheben und irgendwie von dem Gefühl beseelt, dass eine Welt ohne Erika Steinbach möglich sein muss und die Taliban bei reduzierten Mehrwertsteuersätzen auf Zeltübernachtungen schon von alleine zurück zum Wasserpfeiferauchen gehen.

    Aufgenommen hat dieses Bild, das nun wirklich das Jahr im Rechteck zusammengefasst hat Arno Burgi für dpa. Dpa kennen Sie, aber Arno Burgi vermutlich noch nicht. Warum, das hat er uns allen auf der Bühne erzählt. Wahrscheinlich deshalb weil er Anfang 2006 noch Hartz IV-Empfänger war. Was für eine Lebensgeschichte. Erst Bergmann, dann umgeschult zum Kfz-Mechaniker, dann nach Brasilien gegangen. Dort hat er sich 2005 eine Kamera gekauft, um seine Kinder zu fotografieren. Ein paar Bilder, auf denen seine Kinder nicht drauf waren, hat er dem dortigen dpa-Korrespondenten gezeigt. Er ging zurück nach Deutschland, landete in den Mühlen der Hartz IV-Bürokratie, hatte aber das Glück ein Praktikum bei dpa zu ergattern und fotografierte schon am zweiten Tag mit der geliehenen Kamera eine Titelseite und steht nun unter seinem Siegerbild auf der Bühne.

    Das allein würde wahrscheinlich schon reichen um in Hollywood den Goldregen auf die Bühne regnen zu lassen. Aber nein, dann spendet er seinen Preisgewinn trotz offensichtlich nicht übermäßigem Reichtums („Alle bei denen ich mir sonst immer Geld leihe, werden mich für verrückt erklären“) den Erdbebenopfern in Haiti. Und während draußen die Temperatur auf -18° fällt und die Personenschützer von Shimon Peres ihre Runden drehen, sind wir drinnen so gerührt, dass wir dieses Jahr in der Oskar-Nacht wohl einfach schlafen werden. Für 2010 haben wir alles schon gesehen.

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    Komm ich heut nich…

    Von Andreas Kesberger am 20.12.2009 0 Kommentare
    Kategorien: Allgemein, Laden Berlin

    Wenn wir vor lauter Krise immer und überall mal Zeit haben, uns auch mit anderen Problemen zu beschäftigen, ist immer öfter auch der Praktikantismus. Da drehen dann die Redaktionen mit Hilfe Ihrer Praktikanten kleine Stücke über arme Praktikanten, die so lange ausgebeutet werden, bis sie via Zeitvertrag zur Lebensabschnittsanstellung selbst ihre Praktikanten ausnutzen können.

    Das trifft natürlich nie für die zu, die sich darüber beklagen. Also für uns auch nicht. Längere Praktika haben wir bisher stets im Rahmen von Fördermaßnahmen angeboten, die dem armen Praktikanten zumindest einigermaßen eine finanzielle Gegenleistung bieten.

    Aber hier soll es gar nicht um solche Praktika gehen, sondern aus aktuellem Anlass um die bisher stets von uns geschätzten Schülerpraktikantinnen. Es waren meistens hoch motivierte und fleißige junge Damen, die zwei oder drei Wochen uns belebt und geholfen haben und dabei hoffentlich auch was für’s Leben gelernt haben. Ein paar Kleinigkeiten haben wir auch gelernt, zum Beispiel, dass man als Chef erst nach Befragung der anderen Mitarbeiter das Zeugnis schreiben sollte – weil manche sich eben nicht von jedem Aufträge geben lassen – und dass man nie zwei Praktikanten gleichzeitig haben sollte, was noch mal verschärft für Raucher gelten sollte. Aber von solch kleinen Einschränkungen abgesehen, waren wir immer zufrieden und hin und wieder sogar nachhaltig begeistert.

    Bis vor ein paar Wochen wieder mal das Telefon klingelte. Die Stimme fragte etwas unbeholfen nach einem Praktikumsplatz im November. Die Stimme habe ich dann zu einer kurzen Vorstellung eingeladen. Weder habe ich den Namen verstanden, noch das Geschlecht identifizieren können, aber dafür konnte ich ja noch unsere Auszubildende fragen, die das Gespräch angenommen hatte. Aber Steffi hatte auch nicht mehr verstanden. Also waren wir gespannt ob da nun ein Mann oder eine Frau kommen würde. Es kam eine junge Frau. Aber da man in einem dreiwöchigen Schülerpraktikum ja nicht unbedingt auf Kunden losgelassen wird, war ich trotzdem voller Hoffnung.

    Drei Tage vor dem Praktikum kam ein Anruf, dass unsere neue Mitarbeiterin wegen eines Besuchs beim Jugendamt etwas später kommen würde. Wir fangen bekanntlich ja auch schon zu nachtschlafender Zeit um 10.30 Uhr an. Nach ausbeuterischen sechs Arbeitsstunden ist der Tag für Schülerpraktikantinnen dann grundsätzlich wieder vorbei. So ein Praktikum soll einem ja zeigen wie das später im Beruf sein wird, aber man muss ja nicht gleich mit mehr als sechs Stunden übertreiben.

    Wenn der erste Tag dann erst um eins beginnt geht es natürlich noch schneller. Bis man dann mal verstanden hat, von welcher Seite Passepartouts geklebt werden, ist der Tag schon wieder rum. Es kam auch noch ein zweiter Tag mit Arbeit, an dem sogar schon die betreuende Lehrerin bei uns aufschlug. Das war erst das zweite Mal in all den Jahren, in dem ich überhaupt eine Lehrerin zu Gesicht bekommen hatte. Die wies dann die Praktikantin auf die Krankheitsregelungen – „Schule und Betrieb informieren!“ – hin. Ich dachte mir noch, dass das für ein Schülerpraktikum ja reichlich übertrieben wäre, aber da wusste ich noch nicht, dass ich die Lehrerin fast öfter als die Praktikantin sehen sollte.

    Zwei Tage Arbeit am Stück waren dann doch zuviel. Am dritten Tag half dann nur noch die Krankheit. Diese 2:1-Quote war aber leider nicht weiter einzuhalten. Der erste Tag war telefonisch entschuldigt, wie lange diese Ausfälle dauerten war dagegen immer unklar. In der Zwischenzeit stellte sich eine andere Bewerberin vor. Sympathisch, aufgeschlossen und von mir dann auf den Dezember vertröstet.

    Irgendwann kam die Praktikantin eins dann wieder um sich dann mal mit der Lehrerin hier vor Ort zu streiten. Donnerstags kam sie dann zu spät, freitags ging sie dann früher von wegen Termin beim Jugendamt. Von 10.30 bis 12.00 Uhr ist ja auch schon ziemlich anstrengend. Später kam dann wieder ein Anruf mit einer Entschuldigung in der dritten Person. Aber am letzten Tag stand sie dann wieder hier zum Arbeiten. Ich habe sie dann sofort nach Hause geschickt. Im Zeugnis standen 15 Tage Praktikum, 10 Fehltage, davon 5 unentschuldigt.

    Ok. Einmal muss es ja schief gehen. Aber am Montag kam ja schon die nächste Praktikantin. Sogar schon mit Schulabschluss. Wie sich heraus stellen sollte, wollte Sie sich bei uns aus ihrer Lethargie und den Monaten des Nichtstuns befreien und wieder Anschluss ans Berufsleben zu finden. Vielleicht war es ja ein Fehler, so jemand gleich auf einen Achtstundentag zu verpflichten. Denn ab Tag zwei ward sie nicht mehr gesehen.

    Ich nehm’ jetzt morgen erst mal meinen sechsjährigen Sohn mit zur Arbeit. Zwar nur für ein paar Stunden und wegen der etwas schwierigen Betreuungssituation zu Beginn der Weihnachtsferien, aber in Sachen Arbeitsethos hat selbst der einen kaum einzuholenden Vorsprung. Praktikanten nehmen wir natürlich auch noch.

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    Der Anrufbeantworter

    Von Andreas Kesberger am 01.12.2009 0 Kommentare
    Kategorien: Ausstellungen, Laden Berlin

    Es ist wohl mal an der Zeit sich modernen Kommunikationsmethoden zu widmen. Fangen wir mal mit dem Anrufbeantworter an. Der hat den Vorteil, auch sonntags bereit zu stehen, um Kundenwünsche aufzuzeichnen. Seit dem Verfassungsgerichtsurteil von heute und der Einschränkung des Sonntagsverkaufs wird er das in Zukunft wohl auch anderswo wieder öfter tun.

    Aber zitieren wir einfach mal unseren AB vom vorletzten Sonntag:

    19:36 Uhr

    »… ja ich wollt mal wissen….«

    Dazu muss man auch wissen, dass wir im November erstmals zusätzlich zu unseren normalen Ausstellungen eine vom amerikanischen Hersteller Kolo organisierte Ausstellung mit von Künstlern zum Thema Berlin gestalteten Fotoalben zeigten und inzwischen bis zum 15. Dezember verlängert haben. Zu dieser Ausstellung gibt es auch einen kleinen Flyer, auf dem alle beteiligten Ausstellungsorte aufgeführt sind.

    19:54 Uhr

    »Also eins muss ich euch mal sagen. Ich find es total beschissen ja, total beschissen. Ich möchte jetzt gerne mal wissen wann die Ausstellung läuft, ja! Also ich wollte am 30. November mit einem Gast aus Brüssel kommen und ich kann überhaupt nicht erfahren, wann Monochrom auf hat, wann Leporello auf hat, wann Hauptsache auf hat, wann auf Aarven auf hat, wann Sieben Wünsche auf hat. Es ist eine scheiß blöde Werbung kann ich nur sagen. Dankeschön.«

    Ehrlich gesagt fragen wir uns zwar immer noch wie es den Besuchern am Eröffnungstag gelungen ist, unsere Sanitäranlagen in Zustand einer Großschlachterei kurz vor Schichtende zu versetzen, aber die nette Frauenstimme scheint ja damit offensichtlich nichts zu tun zu haben.

    19:57 Uhr

    »Also eins muss ich euch mal lassen. Es ist nicht zu fassen ja, dass man niemanden erreicht. Ich wollte jetzt wirklich ´ne Tour am 30.11. organisieren für einen Gast aus aus Brüssel. … Hab ich nicht geschafft,… weil ich nicht weiß wann irgendwelche blöden Agenturen auf haben. Ähh… Ja. Es tut mir Leid. Also das ist echt ätzend hier euer Flyer ja. Vom 9. bis 30. ….aber es sind keine Öffnungszeiten da. Also ihr könnt mich gern anrufen,wenn ihr meine Rückrufnummer seht, aber ansonsten ist das absolute Scheiße was ihr macht. ABSOLUTE SCHEISSE! SCHEISSE!!!«

    Hier bricht die Aufzeichnung leider mit wildem Geschrei ab. Was ich vielleicht noch erwähnen sollte, dass der Spruch auf unserem Anrufbeantworter so beginnt:

    »Monochrom-Berlin. Guten Tag. Unsere Geschäftszeiten lauten montags bis freitags von 10.30 bis 19.30 Uhr, sowie samstags von 10.30 bis 18.00 Uhr…«

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