Die Sofortbildheuschrecke
Von Andreas Kesberger am 25.01.2009 2 KommentareKategorien: Allgemein, Laden Berlin
Der Rückgang – nicht Nieder, nicht Unter – der Analogfotografie treibt seltsame Blüten. Da Polaroid oder das was davon übrig geblieben ist, den SX70 Film längst eingestellt hat, sehen die alten, gehorteten Filme eine Minute nach dem Verlassen der Kamera schon Jahrzehnte alt aus. Und schon taumelt der Betrachter im Zeitnirvana zwischen heute und ewig alt. Meisterhaft hat das Rainer Raczinski in seiner Serie »Urban Stages« inszeniert, die wir gerade bei uns in Berlin zeigen .
Gerade weil die Aufnahmen Sujets aus Broklyn und New York zeigen, die ihre besten Zeiten längst hinter sich haben, verstärkt sich der Effekt noch. Natürlich gilt das auch für Polaroid. Aber gleichzeitig ist die Stimmung auf den Bildern nicht gestrig, sondern aktueller als uns allen lieb ist. Kein Mensch denkt bei melancholischen USA-Bildern ohne Menschen derzeit an glorreiche Zeiten der Vergangenheit, sondern immer nur Krise, Krise, Krise. Auf den Raczinski-Fotos ist kein einziges amerikanisches Auto zu sehen, sondern nur ein alter Käfer. Vor drei Monaten hätten wir ja noch gedacht, das liegt am Fotografen, doch heute denken wir nur noch, das liegt an der Unfähigkeit der amerikanischen Autoindustrie sparsame Autos zu bauen. Was andererseits auf den Käfer ja auch zutrifft.
Um die Geschichte dann völlig ins Irre zu drehen, korrespondiert der ganze Polaroid-Niedergang auch aufs wundervollste mit der Krise, Krise, Krise. Was war neben dem Ilford-Konkurs der erste große Untergang – nicht Nieder, nicht Rück – des neuen Jahrtausends? Eben Polaroid. Wenn irgend etwas überhaupt den Kauf eines Mittelformat Digibacks rentabel machte, dann der Wegfall der Polamassen im Studio. Von der Kunst allein kann der Künstler nur selten und die Fotofirma gar nicht leben. Und wer rettete im Januar 2005 Polaroid? Eine dieser wunderbaren Investmentgesellschaften, von denen uns immer erzählt wurde, dass wir alle Gesetze ändern müssten, damit es ihnen gut gehen würde, weil es sonst uns nicht mehr gut gehen würde.
Und wo sitzt der Chef dieser Investmentgesellschaft heute? Im Gefängnis. Weil Schneeballsysteme trotz Erderwärmung und der aktuellen Minusgrade eben immer noch verboten sind. Aber Anleger, die jemand vertrauen, der Polaroid kauft, sind eigentlich auch nicht besser, als Zertifikatkäufer, die Zertifikate nicht verstehen. Ist alles so logisch und ist alles so schade. Denn ganz egoistisch hoffen wir natürlich, dass Harman (= Ilford = sic!) oder Fuji oder wer auch immer doch noch Rezepte und Rechte kauft. Wenn man die Verkaufszahlen der letzten zwölf Monate zu Grunde legt, wäre Polaroid ja bestimmt auf Jahre rentabel, aber da alle Künstler die damit arbeiten, vermutlich die deutsche oder slowenische Kühlschrankindustrie gleich mit saniert haben und vor 2015 bestimmt keinen Film mehr kaufen müssen, wäre es eher ein Zeichen, dass man sich um Fuji (oder Ilford oder wen auch immer) doch ernsthafte Sorgen machen muss. Genießen wir einfach die Bilder.
Blende auf für die Rückblende
Von Andreas Kesberger am 21.01.2009 0 KommentareKategorien: Allgemein
Das ist jetzt mal so ein richtiges fast-live Blog-Buch. Wie man es sich so vorstellt. Eben noch die PK in Miami und dann gleich gebloggt, dass die neue Canon nun 25,8 statt wie vorher nur 24,7 Megapixel hat. Na ja fast. Aber doch zumindest ausreichend alkoholisiert und gesättigt und übermüdet. Wie sich das gehört. Für die Punkte eins und zwei zuständig war die rheinland-pfälzische Landesvertretung in Berlin. Wie heute Abend danken wir dem Herrn nun schon seit Jahren, dass einer der sympathischsten Fotowettbewerbe Deutschlands jährlich hier seinen finalen Abschluss mit der wunderbar launigen Preisverleihung und daran anschließender Europatournee findet (Termine und Preisträger unter: http://rueckblende.fotofinder.net ) . Da wir auch schon einmal eine Ausstellungseröffnung in der Landesvertretung Niedersachsens erlebt haben, wissen wir von was wir schreiben. Aber was soll der pluralis majistatis, hier schreibt halt auch ein patriotischer Pfälzer.
Trotzdem geht es hier nicht um Weck, Worscht unn Woi, sondern um Fotografie. Und zwar um eine Fotografie, mit der wir uns täglich beschäftigen und die trotzdem immer nur dieses eine Mal im Jahr gewürdigt wird. Die „Rückblende“, der Preis für politische Fotografie feiert dieses Jahr schon sein 25jähriges Jubiläum. Vor einem viertel Jahrhundert hat also nicht nur RTL die Medienlandschaft bereichert.
Gäbe es die Fotojournalisten der Agenturen und großen Zeitungen nicht, so müssten unsere Politiker plötzlich druckreif sprechen. Aber da man so in der Tagesschau immer mal einen Zwischenschnitt auf den fokussierenden Bildberichterstatter machen kann, darf auch in der Bundespressekonferenz gehaspelt werden. Denkt man das zu Ende, müsste Ede Stoiber sich nun in Pension eigentlich die Tantiemen von Canon und Nikon mal auszahlen lassen. Nicht zu vergessen all die Dinge, die wir nie „erlebt“ hätten ohne Berichterstatter vor Ort. Ob wir das nun wollen oder nicht.
Gäbe es keine Pressefotografen, hätten wir nie das norwegische Dekolleté von Angela Merkel gesehen. Nicht auszudenken. Und Ursula von der Leyen müsste mal was arbeiten. Vermutlich verstehen den letzten Satz nur die Mitglieder der Jury: UvdL in der Kita, mit Boxhandschuhen, beim gesund Kochen, beim Wettsticken, beim Männer-im-Erziehungsjahr-beglücken. So geht das jetzt schon seit Jahren. Nur mal als Tipp für das nächste Jahr: Es gibt Themen, die eher nicht mehr auf’s Siegertreppchen führen.
Die Jurysitzung ist natürlich geheim und daran will ich mich natürlich auch halten. Aber die Betrachtung von fast 1000 Fotos mit dem dazugehörigen langsamen Herausschälen der Bilder des Jahres erhöht auch die Ehrfurcht für die tägliche Arbeit der Kollegen und lässt einen auch die Rückblende mit neuen Augen sehen. Wenn unser aller Kanzlerin mit unser aller Finanzminister verkündet, dass unser aller Spargroschen von unser aller Bundeshaushalt gedeckt wird, dann stehen die beiden ein paar Minuten staatstragend da. Woran sich auch Capa und Cartier-Bresson die Zähne ausgebissen hätten, wenn sie es sich denn angetan hätten. Aber trotzdem ist das ein Bild des Jahres. Nicht für die ersten drei, aber eben doch für die Ausstellung.
Zum Glück kann uns das bei Monochrom auch ein kleines bisschen egal sein, da wir zusammen mit Schneider-Kreuznach den Sonderpreis „Das scharfe Sehen“ spenden. Der Name kommt übrigens aus der Zeit als sich Fotografen noch über eine scharfe Lupe gefreut haben. Von uns gibt es dafür ein Subjektiv – scharfes Sehen schließt unscharfes Fotografieren ja nicht aus – und einen Einkaufsgutschein. Wir gratulieren also auch hier in der Nacht noch einmal „unseren“ Preisträgern Daniel Pilar und Patrick Lux. Und jetzt ist dann wirklich Zeit ins Bett zu gehen.
On my way to Ackerstraße
Von Andreas Kesberger am 08.01.2009 1 KommentarKategorien: Allgemein
Über die Feiertage und die Inventur dauert auch das Blogbuchen ein wenig länger. Es braucht einfach seine Zeit, bis die ganzen Wörter vom Vorjahr gezählt sind.
Da ja laut diversen Steuerrechts- und Unfallversicherungsurteilen der Weg zur Arbeit auch irgendwie zur Arbeit dazu gehört, gehört der Weg zur Arbeit bei Monochrom dann irgendwie auch zur Fotowelt. Und damit bekommt dann auch dieser Blog seine Berechtigung. Nächste Woche kümmern wir uns dann wieder um Drucker.
Heute morgen kurz vor zehn Uhr in der U8 zwischen Janowitzbrücke und Rosenthaler Platz. Die Bahn ist voll, weil bei zweistelligen Minustemperaturen niemand mit dem Fahrrad fahren möchte. Das verstehen wir. Die Sachen, die wir nicht verstehen, kommen gleich. Am Alexanderplatz möchte ein älter Herr vermutlich schon jenseits der 70 und wie das im schönsten Mediensprech heißt, „arabischstämmiger Herkunft“ aussteigen. Da er an zwei Stöcken geht, gelingt das Vorhaben nur etwas ruckelig. Wofür ich ja vollstes Verständnis habe. Weniger Verständnis habe ich für ein plötzlich, richtig fies durchgestrecktes und kräftig zutretendes Bein, das sich genau über meinem Blickfeld oberhalb der Zeitung zeigt und den Alten hart trifft. Der will, soweit möglich, auf den Treter losgehen, schreit zweimal »Warum?«, während der ihm »Warum schlägst Du mich?« entgegenhält. Von seiner Begleiterin wird der ältere Herr weiter gezogen, die Fahrgäste strömen raus und neue rein. Keiner sagt etwas.
Der Treter ist 25 bis 30 Jahre alt, groß und dunkelblond. Und wie das so ist, fragt man sich, ob man was sagen soll. Ob das jetzt der aggressive Blick des Gegenüber ist oder die Tatsache dass das Opfer ohne (hoffentlich) besondere Beschädigungen längst weiter und in Sicherheit ist oder die Überlegung, dass ich doch nicht gesehen habe, wie und ob der Stock den Treter getroffen hat (wobei natürlich nichts an den erlebten Umständen die Aggression rechtfertigen würde) oder ob es einfach nur mangelnde Zivilcourage (genau das wird es sein) ist – auf jeden Fall sage ich nichts. Mein lächerlicher Protest bescheidet sich auf aggressives, fassungslosen Gucken. Zumindest aggressiv kann der Treter auch gucken. Die Bahn fährt los. Und er guckt. Die Bahn fährt weiter. Und er guckt. Die Bahn fährt weiter. Und dann holt er seinen Ausweis von der BVG heraus und ruft »Fahrkartenkontrolle! Die Fahrausweise bitte.«
Es ist vermutlich klüger, bis zum Hackeschen Markt zu Fahren und von dort zu laufen. Steht übrigens kein Name auf diesen Ausweisen.





