Schwarz wie die Nacht – Skia Photography
Von Andreas Kesberger am 24.07.2009 2 KommentareKategorien: Allgemein
Die Fotografie wird revolutioniert. Wieder mal. Dabei haben wir uns von der letzten Revolution doch kaum erholt. Aber ohne Fortschritt kein Ende der Wirtschaftskrise. Und das wollen wir doch alle.
Das schöne romantische Heidelberg, an einer Stelle, an der kaum eine Stadt schön und romantisch ist: am Bahnhof. Auch Heidelberg macht da keine Ausnahme. In der Media Print Akademie, die aussieht als hätte Hartmut Mehdorn hier schon mal für den Berliner Hauptbahnhof geübt, sind wir bei der Pressevorführung für ein neues Verfahren. Ob es jetzt ein fotografisches Verfahren oder eine Drucktechnik ist, lassen wir hier erstmal noch offen. Wir wissen ja noch nichts.
Damit wir mehr erfahren, geht es mit dem Bus ins Werk nach Wiesloch. Dort wartet Dieter Kirchner, der Erfinder der „Skia Photography“ oder, noch enthusiastischer, der HDSP, der „High Definition Skia Photography“, der immerhin Hubertus von Amelunxen bescheinigt, dass „zum ersten Mal alle sichtbaren Bestandteile, die von der Kamera erfasst wurden, auf den Abzug übertragen werden.“ Wenn es weiter nichts ist. So müssen wir uns das also vorstellen, als Daguerre damals zu Arago gesagt hat: „Du, ich hab da was, um Bilder aufzuzeichnen, eine kleine Leibrente und schon kannst Du das haben.“ Und wir mitten drin.
Aber da wir uns ja schon im 21. und nicht mehr im 19. Jahrhundert befinden, bekommt jetzt jeder ein Headset umgehängt und einen Kopfhörer aufs Ohr gestülpt. Wir sind ja schließlich in einer Druckmaschinenfabrik (laut) und nicht in einem Fotolabor (leise). Das haben wir begriffen, sonst aber erst mal nicht so viel, denn es rauscht und fiept und die nette Dame vom Marketing versteht man nur, weil sie direkt vor einem steht. Zumindest versteht man sie, wenn man den Kopfhörer wieder absetzt. Später stellt sich heraus, dass die Technik nur dann mitspielt, wenn von den vier Beteiligten immer nur der seinen Sender aktiviert, der gerade spricht. Was sich dann leider nicht immer in der Praxis einhalten lässt. Technik-Revolutionen sind eben nicht so einfach.
Aber noch sind ja alle Maschinen aus, und dementsprechend ist Dieter Kirchner auch zu verstehen. Er zeigt uns jetzt die Skia Photography im Einsatz an Hand eines Bildes von Manfred Hamm, der auch daneben steht. Kirchner müssen wir uns ungefähr wie einen großartigen Tüftler und Dunkelkammerdruiden – sein grauer Bart gibt ihm ja auch etwas Wolfgang Moerschiges – vorstellen, dem man aber nicht einfach einen Vergrößerer sondern eine riesige Druckmaschine in die Hand gedrückt hat. Und was da nach jahrelanger Arbeit an den Farben und Gammakurven rauskommt, ist erst einmal großartig. Von einer Offset-Maschine habe ich noch nie so gute Drucke gesehen. Den Buch- und Kalenderdruck kann das ganze locker revolutionieren. Das Buch „Ruhrgebiet“ von Ulrich Mack ist schon mal ganz, ganz wunderbar. Wie ein Buch, in das der Buchbinder einzelne Barytabzüge gebunden hat.
So ein Buch hat aber auch den Vorteil, dass eine Druckmaschine erst einmal nicht widersinnig ist. Das millionenteure Monster, das vor uns steht und dem gleich zwei Operateure beigestellt sind, schafft nämlich 18.000 Bögen pro Stunde. Das ist schon mal schön. Was nicht so schön ist, dass sie gleichzeitig auch nicht weniger als 100 Bögen schafft. Für jeden einzelnen Probeausdruck. Dieter Appelt druckt damit Vierer-Auflagen. Falls Sie demnächst günstig Kunst erstehen wollen, lohnt vielleicht der Gang zum Altpapiercontainer der örtlichen Druckerei.
Manfred Hamm hätte es bei unserer Pressedemo gern noch etwas dunkler. Rumms, rasen wieder die nächsten 100 Drucke auf die Europalette. Das Spiel machen wir noch zwei Mal. Dann ist der Künstler glücklich und die Palette voll. Hamm ist überhaupt glücklich. Da er die digitale Fotografie ablehnt – was man sich mit 65 auch gut leisten kann – und schon Multigrade-Papier als unbrauchbar für seine künstlerischen Visionen ansieht, rettet ihn jetzt diese Maschine. Was natürlich einigermaßen skuril klingt, wenn der Fotograf gleichzeitig sagt: „Digital kann ich nicht beurteilen, da habe ich keine Ahnung“. Die hat dafür Dieter Kirchner. Er scannt, bearbeitet und druckt die Bilder so, dass Manfred Hamm sie wieder beurteilen kann. Dichte 3,0 ist natürlich ein Wort. Und vor allem ein Wert, den wir demnächst auch einmal an dieser Stelle hinterfragen sollten, denn ob die gemessene Dichte von 2,3 (Analog-Baryt-Abzug), 2,6 (Inkjet-Baryt-Print) und 3,0 (Skia) wirklich visuell so unterschiedlich ist, dass interessiert uns dann doch für die Zukunft.
Später. Jetzt stehen wir erst einmal vor dieser Dichtewand und staunen. Wahrscheinlich ließe sich das noch viel mehr genießen, wenn nicht das ganz Brimborium drumherum wäre. Sprüche wie „Fotopapier ist immer unscharf“ helfen nicht immer wirklich weiter. Und die bei Spiegel-Online gezeigten Vergleiche, die glauben wir erst, wenn wir jemand, dem wir zutrauen wirklich scharfe Vergrößerungen zu machen, damit haben arbeiten sehen (unsere eigenen Vergleiche zwischen digitaler Inkjetausgabe und Vergrößerungen im Quadratmeterbereich haben nämlich keine Unterschiede gezeigt).
Auch nicht unbedingt hilfreich sind die Angaben der Beteiligten zum Papier. Plötzlich haben wir im fiependen Ohr die Aussage Kirchners, es handele sich hier um Papier mit Barytschicht. Und speziell dafür entwickelt ist es ja sowieso. Da das mit der Ohrübertragung hier so eine Sache ist (und eine Baritage ja auch Geld kostet), frage ich noch einmal bei der Dame vom Marketing nach. Ehrliches Bejahen und ich bin zumindest ob des Einsatzes beeindruckt. Das ändert sich aber später am Abend, als ein Mitarbeiter des Papierherstellers neben mir beim Durchblättern des Buches steht. Barytschicht? Nee, „das ist unser Schachtelkarton Premium“. Premium haben wir auch nicht bestritten.
Was an den Prints wirklich gelungen ist, ist die letzte Beschichtung, die dem Ganzen etwas mehr Tiefe gibt, was von Kirchner mit der Wirkung der Gelatine beschrieben wird und uns besonders gefällt, weil es der Oberflächenempfindlichkeit des Inkjets etwas entgegen setzt (wobei sich die druckfrischen HDSP-Bögen durchaus noch mit Fingerabdrücken verzieren lassen).
Was wir an der neuen Technik nicht ganz unproblematisch finden, ist der Ansatz von Kirchner zwei Bildtöne zu liefern. Er bezeichnet das als analog zur Hydrochinon- und Methol-Entwicklung. Aber Splittone-Geschichten, bei denen die Lichter einen anderen Ton erzielen als die Schatten, fanden wir eigentlich schon immer ziemlich albern, aber das ist ja Geschmacksache.
Problematischer ist natürlich, dass es der derzeit eine One-Man-Show ist. Kirchner will das Ganze zwar so standardisieren, dass der Druck genauso in Singapur wie in Hannover aussieht, aber ob das bei der Druck- und erst recht Datenaufbereitung durchsetzbar ist, wagen wir ja zu bezweifeln. Darum begeben sich die bisher beteiligten Fotografen ja auch so gerne in die helfenden Hände. Nur ob die helfenden Hände eines perfekten Laboranten der Klasse Petscheleit und Rohner oder eines perfekten Inkjetprinters der Klasse Michael Maria Müller nicht doch zu ähnlichen Ergebnissen vom gleichen Negativ kämen, das haben wir eben nicht sehen können.
Skia Photography ist natürlich alles andere als green photography. Dieter Appelt arbeitet mit einer Auflage von vier, d.h. selbst wenn der erste Print schon perfekt war, sind 96% Ausschuss. Da schlagen wir doch gerne die Heidelberger Pressemappe auf. Und was lesen wir da: „Dabei kommt dem Umweltschutz eine nachhaltige Bedeutung zu. Der Ressourcenverbrauch sowie Emmissionen und Abfälle werden durch Maßnahmen in der Entwicklung, der Produktion und der Nutzung von Druckmaschinen reduziert.“ Steht da wirklich.
Ganz besonders wichtig nach Aussage aller Beteiligten sind die großartigen Haltbarkeitswerte. Die geben zwar nach Blauwollskala (8) und den ISO-Werten des Papiers, ähem, des Schachtelkartons Premium (500 Jahre) zu besten Hoffnungen Anlass, aber genauere Werte als „hält 500 Jahre“ in Form von unabhängigen Testresultaten etwa von Wilhelm Research liegen leider noch nicht vor. Zumindest ist die Fogra wohl beauftragt, aber dort tut man sich ja mit so unwissenschaftlichen Jahreszahlen meist etwas schwer.
Wir schließen ja nicht aus, den großartigsten Fotobuchdruck aller Zeiten gesehen zu haben, die vom Spiegel propagierte „Umkrempelung des Kunstmarkts“ aber wahrscheinlich eher nicht. Revolutionen sind halt mit und ohne Headset eine anstrengende Sache.