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    Es gibt noch Karrieren

    Von Andreas Kesberger am 04.02.2010 0 Kommentare
    Kategorien: Allgemein

    Ursula von der Leyen hat ja nicht nur den älteren CDU-Mitgliedern erklärt, dass deren Kinder mittlerweile in anderen Familienzusammenhängen leben. Was dann gar nicht so schwer war, da Opas ja auch Spaß an Patchworkenkeln haben. Sie ist aber auch eine Meisterin des medialen Winderzeugens. Trotzdem werden wir sie hier gleich wieder verlassen, obwohl es hier um die „Rückblende“ geht, jenen Wettbewerb, der zum Ende des Jahres stets bewertet, was für Fotos denn bei all diesen Winden vom Jahr und Tag übrig bleiben. Da hat Zensursula letztes Jahr auch reichlich wenig zu beigetragen, wenn man von einem absurden Foto mit UvdL und Mariella Ahrens in einem Boot, sowie einem Schwan ohne Boot in der Ausstellung (Was das soll? Rettung der Weltmeere im Tiergarten? Erziehungsurlaub für Schwäne? Dschungelcamps für Väter die nicht rudern können? – wir wissen es nicht) absieht.

    Nein sie dient uns zum Einstieg, weil sie Hartz IV abschaffen möchte. Nicht die Zahlungen, auch nicht das Prinzip, sondern nur den Namen. Der ist  seinen Klang nach brasilianischen Altherrenbetreuerinnen längst losgeworden, aber nicht das schlechte Image. In der Werbung lernen wir zwar, dass reine Namensänderungen eh nichts bringen und Raider unvergessen ist, aber es wäre auch schade, da Hartz IV auch für alle, die es hochgeschafft haben, mit einem Wort definiert wo unten war. Und es gibt sie noch diese Karrieren. Wie wir vor einer Woche endlich einmal wieder miterleben durften.

    Die Rückblende ist ein Wettbewerb für politische Fotografie und Karrikaturen. Er hat sich auch zur Aufgabe gesetzt, das gerade abgelaufene politische Jahr in Deutschland abzubilden. Idealerweise kommen bei den Preisträgern dann auch fotografische und inhaltliche Qualität zusammen. Wir von Monochrom verleihen seit ein paar Jahren den Sonderpreis „Das scharfe Sehen“. Das tut hier eigentlich nichts zur Sache. Das beschreibt nur, warum wir auch dabei waren. Trotzdem noch einmal Glückwunsch an Andreas Rentz von Getty und Wolf Heider-Savall vom Focus.

    Die vom Gastgeber Karl-Heinz Klär in der Rheinland-Pfälzischen Landesvertretung in Berlin mal wieder kongenial initiierte und moderierte Preisverleihung ging schon langsam dem Ende und damit endlich dem Buffet zu. Wir hatten die lustigen Momente mit den Fotografen, Karrikaturisten und Preisverleihern erlebt, die peinlichen Momente überlebt („Haben Sie denn auch ein lachendes Bild mit Frau Merkel?“ „Das war nicht so der Termin.“ (mit Obama in Buchenwald)). Wir hatten also Hunger. Aber da war ja noch der erste Platz in der Sparte Fotografie. Immerhin dotiert mit 8.000 €. Darauf zu sehen Guido Westerwelle wie er im auswärtigen Amt vor den Mitarbeitern die Amtsgeschäfte übernimmt. Mit einem Strahlen und einer Genugtuung und voller Stolz als könnte er gleich abheben und irgendwie von dem Gefühl beseelt, dass eine Welt ohne Erika Steinbach möglich sein muss und die Taliban bei reduzierten Mehrwertsteuersätzen auf Zeltübernachtungen schon von alleine zurück zum Wasserpfeiferauchen gehen.

    Aufgenommen hat dieses Bild, das nun wirklich das Jahr im Rechteck zusammengefasst hat Arno Burgi für dpa. Dpa kennen Sie, aber Arno Burgi vermutlich noch nicht. Warum, das hat er uns allen auf der Bühne erzählt. Wahrscheinlich deshalb weil er Anfang 2006 noch Hartz IV-Empfänger war. Was für eine Lebensgeschichte. Erst Bergmann, dann umgeschult zum Kfz-Mechaniker, dann nach Brasilien gegangen. Dort hat er sich 2005 eine Kamera gekauft, um seine Kinder zu fotografieren. Ein paar Bilder, auf denen seine Kinder nicht drauf waren, hat er dem dortigen dpa-Korrespondenten gezeigt. Er ging zurück nach Deutschland, landete in den Mühlen der Hartz IV-Bürokratie, hatte aber das Glück ein Praktikum bei dpa zu ergattern und fotografierte schon am zweiten Tag mit der geliehenen Kamera eine Titelseite und steht nun unter seinem Siegerbild auf der Bühne.

    Das allein würde wahrscheinlich schon reichen um in Hollywood den Goldregen auf die Bühne regnen zu lassen. Aber nein, dann spendet er seinen Preisgewinn trotz offensichtlich nicht übermäßigem Reichtums („Alle bei denen ich mir sonst immer Geld leihe, werden mich für verrückt erklären“) den Erdbebenopfern in Haiti. Und während draußen die Temperatur auf -18° fällt und die Personenschützer von Shimon Peres ihre Runden drehen, sind wir drinnen so gerührt, dass wir dieses Jahr in der Oskar-Nacht wohl einfach schlafen werden. Für 2010 haben wir alles schon gesehen.

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