Berlin-Weiden und zurück
Von Andreas Kesberger am 13.02.2010 0 KommentareKategorien: Allgemein
Berlin 03.45
Es hat ja was unmenschliches morgens – nee, nachts um 3:45 Uhr aufzustehen. Berlin ist manchmal einfach viel zu weit im Osten. Zumindest für eine Dienstreise in den Westen. 5:11 Uhr Abfahrt der S-Bahn. Ankunft 11.45 Uhr. Rückfahrt um 18:09 Uhr und Ankunft dann um 1:11 Uhr. Ist das jetzt noch normal oder einfach nur krank. Bei meinem bisherigen Tagesrekord bei der letztjährigen Paperworld hat irgendwann der Elan dann doch merklich nachgelassen. Da ist das heute doch konsequenter die Gespräche, die den Anlass der Reise bilden, gleich in die toten Stunden am Nachmittag zu legen. Aber machen wir den Selbstversuch. Wenn die Ausführungen im Laufe des Tages immer wirrer werden, bitte nicht wundern. Ich versuche mangels mobilem Netzzugang den Blog auch gleich nach der Rückkehr ins Netz zu stellen.
Die erste Erkenntnis des Morgens liegt zumindest schon mal darin, dass es Nachbarn gibt, die um halb fünf Schnee schippen. Wenn die Straßenbahn schon gefahren wäre, hätte ich das glatt verpasst.
Wittenberg 6:30
Der Zug – leer. Das Gefühl – dumpf, dass es nicht so bleiben wird, Der Akku – voll.
Bitterfeld 07:02
„Unser Zug konnte auf Grund einer Störung den Bahnsteig Bitterfeld nicht erreichen. Wir werden deshalb in Kürze den Zug zurücksetzen.“ War ja auch noch ziemlich dunkel und so einen großen Bahnhof kann man ja schon mal übersehen.
Ah, da kommt ja schon der Lokführer durch den Zug. Das nennt man wohl dann den Bitterfelder Weg. Der Rückweg geht er lieber außen rum zur Lok.
Verspätung vorher sieben Minuten. Umsteigezeit sechs Minuten. Und jetzt? Jetzt sind es 22 Minuten.
Bad Köstritz 09:20
Es waren dann doch 30 Minuten. Der Anschluss-ICE war natürlich schon weg. Von der Zugbegleiterin („Er sagt, es war ein Defekt“) gibt es die Aufhebung der Zugbindung und vom Infoschalter eine neue Verbindung. Statt ICE mittels zweier Regionalexpresse quer durch Deutschland. Mit nur einer Stunde Verspätung
Gera-Süd 10:20
Abfahrtszeit ist 10:11, aber laut der Durchsage: „Der Regionalexpress nach Regensburg hat auf Grund von Zugfolge 10 Minuten Verspätung:“ „Zugfolge klingt nach anstrengender Krankheit, kann aber wohl medikamentös behandelt werden. In Gera-Süd bleiben wir aber gerne noch länger. Warum der Computer der DB ausgerechnet Gera-Süd als Umsteigebahnhof mit halbstündigem Aufenthalt auserwählt, bleibt sein Geheimnis. Der Bahnhof besteht aus einem Bahnsteig. Geht man runter, ereilt einen die Erkenntnis, dass hier äußerst robuste Naturen leben, da der hiesige Biergarten „täglich geöffnet“ hat. Es schneit weiter.
Außerdem ist Wolf Maahn immer noch auf Tournee, schlappe 25 Jahre nachdem „Kleine Helden“ mal beim Musik Express Album des Monats mit sechs Sternen war. Und Professor Liebe wird im Park vom Verein der Freunde der Singvögel geehrt. Ich reisse mir im Zug beim Hinsetzen – hier eher beim Draufsetzen – den Aufhänger meines Wintermantels ab. Der hat auch nur acht Jahre gehalten.
10:50 Irgendwo
Die Lieben Kollegen aus Kassel haben ihren Anschlusszug auch verpasst. Der Bitterfelder Weg ist scheinbar überall. Jetzt kommen wir doch alle zusammen um 12:45 an. Ansonsten sehr idyllisch hier.
11:52 Hof
Auch schön hier. Aber nach 20 Minuten lässt auch die Attraktivität des Hofer Bahnhofs nach. Wir fahren diesmal nur mit 12 Minuten Verspätung los.
13:00 Weiden
Das Ziel der Reise. Aber dank 17 Minuten Verspätung sind die lieben Kollegen jetzt doch früher gekommen. Aber auch egal. Dafür läuft der Termin in angenehmer Atmo und durchaus potentiell ertragreich für beide Seiten.
18:09 Weiden
Nach knapp fünf Stunden geht es wieder zum Bahnhof. Rüber auf das Gleis. Die Rückfahrt kann beginnen. Der vorherige Zug fehlt noch. Egal. Dann kommt die Durchsage von der Maschinenstimme: „Der Zug um 18:09 nach Nürnberg fällt aus. Wir bitten um Entschuldigung.“ Ähem. Das war der letzte an diesem Tag nach Berlin. Aber noch steht er auf der Abfahrttafel. Wenn wir jetzt rüber gehen, um zu fragen, dann fährt er vielleicht gerade ein und ist weg. Hmh. Warten. Fünf Minuten später die Wiederholung der Ansage. Zwei Minuten später steht es dann auch auf der Tafel: „Zug fällt aus.“ Warum auch nicht. Also rüber in die Wartehalle, Der Schalter hat eigentlich schon zu, aber der Herr am Schalter macht noch Überstunden. Dafür aber auch keine Anstalten die Schuld auf das Wetter zu schieben. „Die Züge hätten schon seit fünf Jahren ausgetauscht werden sollen.“ Die Freiheit kurz vor der Pensionierung zu stehen, macht ehrlich. Aber wer die Berliner S-Bahn im aktuellen Zustand kennt, findet sowas sowieso ganz normal.
Dafür stellt sich heraus, dass auch nach Kassel jetzt kein Zug mehr geht. Und auch für ein Taxi zum Nürnberger Bahnhof ist es schon zu spät, bis wir endlich an der Reihe sind um uns unsere Zugverspätungsquittung abzuholen. Ich lege sie zu der vom Vormittag. Geht langsam in Richtung Überporto. Durch den Hinterausgang werden wir herausgelassen, da beim erneuten Öffnen der Vordertür schon Tumulte befürchtet werden.
Am Automaten spiele ich diverse Nachtversionen durch, um doch noch nach Berlin zu kommen. Das günstigste ist es Mitten in der Nacht zwei Stunden in Magdeburg zu warten. Aber dazu müsste der Zug nach Nürnberg erst einmal kommen.
19:10 Weiden
Jetzt müsste er losfahren. Aber vorher müsste er erst einmal in der anderen Richtung durchfahren. Tut er aber erst mal nicht. Als er kommt, springt die Anzeige dauernd zwischen Neustadt und Nürnberg hin und her. Zumindest weiß der Lokführer wo er jetzt hinfährt. Erst mal nach Neustadt und dann wieder zurück. Bis wir einsteigen können, hat sich zumindest die Magedeburg Option endgültig erledigt. Dafür steigen kurz danach viele alkoholisierte Amerikaner vom Truppenübungsplatz ein, mit dem Ziel sich später in Nürnberg noch weiter zu alkoholisieren. Das scheint zu gelingen
21:00 Nürnberger
Der Infopoint zaubert den Nachtzug nach Berlin heraus und schickt die Kasseler ins Hotel nach Frankfurt. Mit etwas Glück kriegen wir dann gleich den ICE nach Frankfurt. Erleben einen netten Speisewagenkellner – „Was Sie auf der Karte sehen, gibt es alles nicht“ – Alles alle oder kaputt oder egal, aber es gibt noch Currywurst und Erbsensuppe. Und dann dank glücklicher Fügung hält der ICE in Hanau neben dem Zugzielschild und am Gleis gegenüber steht ein 25 Minuten verspäteter Zug nach Kassel. Also raus mit dem Schließpiepen der Tür und gegenüber rein. Damit scheint zumindest für zwei die Nacht im jeweils eigenen Bett gerettet.
23:10 Frankfurt
Jetzt schnell noch bei Macdoof den Blog schreiben und vorher noch nach dem Gleis geguckt. Oh der Nachtzug fährt ja gar nicht vom Hbf. Mea culpa, ab nach Frankfurt Süd.
0:00 Frankfurt Süd
Und da, da bin ich jetzt gerade. Bei dem MacDonalds mit den kältesten Pommes der Welt (wieso kosten die jetzt 2,19 €, während im Fernsehen alle vor Freude über die Preise zu tanzen anfangen) und einem Zwerg neben mir am Tisch. Liest sich gleich so nicht gewollt diskriminierend, aber so muss man sich das wohl vorstellen, wenn Schneewittchen schon lange nicht mehr da ist. Aber vielleicht ist meine Wahrnehmung auch schon langsam getrübt.
0:50 Frankfurt-Süd
Ganz am Ende des Bahnsteigs. Der Zug fährt gleich ein. In der Ferne sieht es gleich an zwei Wohnungsfenstern nebeneinander ziemlich nach Sex im Dämmerschein aus. Ein Licht geht wieder aus, aber bei mir will sich nur Neid nach dem Bett einstellen.
Statt Neid jetzt Night. Rein in den City-Night-Line mit seinen auch nach fast 20 Jahren noch ziemlich futuristischen Klappsesseln. Zwei Plätze sind frei, aber erweisen sich im Laufe der nächsten halben Stunde genauso besetzt wie die nächsten beiden. Das ist das Los am Ende des Zugs, dass es dauert, bis man seine Plätze gefunden hat. Man sieht halt keine Reservierungsschilder im CNL. Dafür gibt es Sozialstudien beim Reklamieren des eigenen Platzes. Es gibt die, die einfach stehen bleiben, aber dreimal gefragt werden müssen bis sie endlich mit ja antworten, ob sie diesen Platz gebucht haben. Es gibt die angenehm pragmatischen, die sagen: „Das ist meiner.“ Es gibt die, die sich entschuldigen weil sie gesehen haben, dass man gerade eingeschlafen ist, und es gibt die Freunde dieser höflichen Frauen, die ganz entrüstet äußern: „Warum sitzen Sie da. Das ist nicht ihr Platz.“ Ich bin erst ganz begeistert weil ich verstanden habe, dass es nicht sein Platz ist und hänge meinen Mantel schon wieder hin. Schnell weg hier. Entweder bin ich taub auf dem Dialekt-Ohr oder die Wahnvorstellungen nehmen langsam zu.
Der Bahn-Mitarbeiter hat dann noch die nicht ganz unwichtige Info, dass dieser Zug komplett „durchreserviert“ ist. Wieder ein schönes Wort gelernt.
Also Flucht in den engen, lauten, kalten Flur neben der Toilette. Aber laut stört eigentlich nicht, da dafür das infernalische Schnarchen aus dem Großraumwagen nicht mehr hörbar ist. In die Hocke gehen klappt nicht, also hole ich erst mal mein Buch raus.
2:30 Irgendwo
Im nächsten Wagen kann man sich ganz gut auf den Boden kauern und dann sogar ein bisschen schlafen, solange niemand aussteigen möchte. Ich sitze zwar auf dem Verlängerungskabel, dass der Herr zwei Reihen weiter vorn quer durch den Zug für sein Laptop gelegt hat – ein echter Profi -, aber ich merke nix mehr.
5:20 Schon wieder irgendwo
Ein Platz wird frei. Eigentlich ganz bequem die Sessel. Ich schlafe ein.
7:20 Berlin
Ankunft am Hauptbahnhof. Sogar pünktlich.
8:08 Köpenick
Ankunft mit der Straßenbahn. 27,5 Stunden nach dem Aufbruch. Wird mal wieder Zeit zum Zähne Putzen.
Es gibt noch Karrieren
Von Andreas Kesberger am 04.02.2010 0 KommentareKategorien: Allgemein
Ursula von der Leyen hat ja nicht nur den älteren CDU-Mitgliedern erklärt, dass deren Kinder mittlerweile in anderen Familienzusammenhängen leben. Was dann gar nicht so schwer war, da Opas ja auch Spaß an Patchworkenkeln haben. Sie ist aber auch eine Meisterin des medialen Winderzeugens. Trotzdem werden wir sie hier gleich wieder verlassen, obwohl es hier um die „Rückblende“ geht, jenen Wettbewerb, der zum Ende des Jahres stets bewertet, was für Fotos denn bei all diesen Winden vom Jahr und Tag übrig bleiben. Da hat Zensursula letztes Jahr auch reichlich wenig zu beigetragen, wenn man von einem absurden Foto mit UvdL und Mariella Ahrens in einem Boot, sowie einem Schwan ohne Boot in der Ausstellung (Was das soll? Rettung der Weltmeere im Tiergarten? Erziehungsurlaub für Schwäne? Dschungelcamps für Väter die nicht rudern können? – wir wissen es nicht) absieht.
Nein sie dient uns zum Einstieg, weil sie Hartz IV abschaffen möchte. Nicht die Zahlungen, auch nicht das Prinzip, sondern nur den Namen. Der ist seinen Klang nach brasilianischen Altherrenbetreuerinnen längst losgeworden, aber nicht das schlechte Image. In der Werbung lernen wir zwar, dass reine Namensänderungen eh nichts bringen und Raider unvergessen ist, aber es wäre auch schade, da Hartz IV auch für alle, die es hochgeschafft haben, mit einem Wort definiert wo unten war. Und es gibt sie noch diese Karrieren. Wie wir vor einer Woche endlich einmal wieder miterleben durften.
Die Rückblende ist ein Wettbewerb für politische Fotografie und Karrikaturen. Er hat sich auch zur Aufgabe gesetzt, das gerade abgelaufene politische Jahr in Deutschland abzubilden. Idealerweise kommen bei den Preisträgern dann auch fotografische und inhaltliche Qualität zusammen. Wir von Monochrom verleihen seit ein paar Jahren den Sonderpreis „Das scharfe Sehen“. Das tut hier eigentlich nichts zur Sache. Das beschreibt nur, warum wir auch dabei waren. Trotzdem noch einmal Glückwunsch an Andreas Rentz von Getty und Wolf Heider-Savall vom Focus.
Die vom Gastgeber Karl-Heinz Klär in der Rheinland-Pfälzischen Landesvertretung in Berlin mal wieder kongenial initiierte und moderierte Preisverleihung ging schon langsam dem Ende und damit endlich dem Buffet zu. Wir hatten die lustigen Momente mit den Fotografen, Karrikaturisten und Preisverleihern erlebt, die peinlichen Momente überlebt („Haben Sie denn auch ein lachendes Bild mit Frau Merkel?“ „Das war nicht so der Termin.“ (mit Obama in Buchenwald)). Wir hatten also Hunger. Aber da war ja noch der erste Platz in der Sparte Fotografie. Immerhin dotiert mit 8.000 €. Darauf zu sehen Guido Westerwelle wie er im auswärtigen Amt vor den Mitarbeitern die Amtsgeschäfte übernimmt. Mit einem Strahlen und einer Genugtuung und voller Stolz als könnte er gleich abheben und irgendwie von dem Gefühl beseelt, dass eine Welt ohne Erika Steinbach möglich sein muss und die Taliban bei reduzierten Mehrwertsteuersätzen auf Zeltübernachtungen schon von alleine zurück zum Wasserpfeiferauchen gehen.
Aufgenommen hat dieses Bild, das nun wirklich das Jahr im Rechteck zusammengefasst hat Arno Burgi für dpa. Dpa kennen Sie, aber Arno Burgi vermutlich noch nicht. Warum, das hat er uns allen auf der Bühne erzählt. Wahrscheinlich deshalb weil er Anfang 2006 noch Hartz IV-Empfänger war. Was für eine Lebensgeschichte. Erst Bergmann, dann umgeschult zum Kfz-Mechaniker, dann nach Brasilien gegangen. Dort hat er sich 2005 eine Kamera gekauft, um seine Kinder zu fotografieren. Ein paar Bilder, auf denen seine Kinder nicht drauf waren, hat er dem dortigen dpa-Korrespondenten gezeigt. Er ging zurück nach Deutschland, landete in den Mühlen der Hartz IV-Bürokratie, hatte aber das Glück ein Praktikum bei dpa zu ergattern und fotografierte schon am zweiten Tag mit der geliehenen Kamera eine Titelseite und steht nun unter seinem Siegerbild auf der Bühne.
Das allein würde wahrscheinlich schon reichen um in Hollywood den Goldregen auf die Bühne regnen zu lassen. Aber nein, dann spendet er seinen Preisgewinn trotz offensichtlich nicht übermäßigem Reichtums („Alle bei denen ich mir sonst immer Geld leihe, werden mich für verrückt erklären“) den Erdbebenopfern in Haiti. Und während draußen die Temperatur auf -18° fällt und die Personenschützer von Shimon Peres ihre Runden drehen, sind wir drinnen so gerührt, dass wir dieses Jahr in der Oskar-Nacht wohl einfach schlafen werden. Für 2010 haben wir alles schon gesehen.
Komm ich heut nich…
Von Andreas Kesberger am 20.12.2009 0 KommentareKategorien: Allgemein, Laden Berlin
Wenn wir vor lauter Krise immer und überall mal Zeit haben, uns auch mit anderen Problemen zu beschäftigen, ist immer öfter auch der Praktikantismus. Da drehen dann die Redaktionen mit Hilfe Ihrer Praktikanten kleine Stücke über arme Praktikanten, die so lange ausgebeutet werden, bis sie via Zeitvertrag zur Lebensabschnittsanstellung selbst ihre Praktikanten ausnutzen können.
Das trifft natürlich nie für die zu, die sich darüber beklagen. Also für uns auch nicht. Längere Praktika haben wir bisher stets im Rahmen von Fördermaßnahmen angeboten, die dem armen Praktikanten zumindest einigermaßen eine finanzielle Gegenleistung bieten.
Aber hier soll es gar nicht um solche Praktika gehen, sondern aus aktuellem Anlass um die bisher stets von uns geschätzten Schülerpraktikantinnen. Es waren meistens hoch motivierte und fleißige junge Damen, die zwei oder drei Wochen uns belebt und geholfen haben und dabei hoffentlich auch was für’s Leben gelernt haben. Ein paar Kleinigkeiten haben wir auch gelernt, zum Beispiel, dass man als Chef erst nach Befragung der anderen Mitarbeiter das Zeugnis schreiben sollte – weil manche sich eben nicht von jedem Aufträge geben lassen – und dass man nie zwei Praktikanten gleichzeitig haben sollte, was noch mal verschärft für Raucher gelten sollte. Aber von solch kleinen Einschränkungen abgesehen, waren wir immer zufrieden und hin und wieder sogar nachhaltig begeistert.
Bis vor ein paar Wochen wieder mal das Telefon klingelte. Die Stimme fragte etwas unbeholfen nach einem Praktikumsplatz im November. Die Stimme habe ich dann zu einer kurzen Vorstellung eingeladen. Weder habe ich den Namen verstanden, noch das Geschlecht identifizieren können, aber dafür konnte ich ja noch unsere Auszubildende fragen, die das Gespräch angenommen hatte. Aber Steffi hatte auch nicht mehr verstanden. Also waren wir gespannt ob da nun ein Mann oder eine Frau kommen würde. Es kam eine junge Frau. Aber da man in einem dreiwöchigen Schülerpraktikum ja nicht unbedingt auf Kunden losgelassen wird, war ich trotzdem voller Hoffnung.
Drei Tage vor dem Praktikum kam ein Anruf, dass unsere neue Mitarbeiterin wegen eines Besuchs beim Jugendamt etwas später kommen würde. Wir fangen bekanntlich ja auch schon zu nachtschlafender Zeit um 10.30 Uhr an. Nach ausbeuterischen sechs Arbeitsstunden ist der Tag für Schülerpraktikantinnen dann grundsätzlich wieder vorbei. So ein Praktikum soll einem ja zeigen wie das später im Beruf sein wird, aber man muss ja nicht gleich mit mehr als sechs Stunden übertreiben.
Wenn der erste Tag dann erst um eins beginnt geht es natürlich noch schneller. Bis man dann mal verstanden hat, von welcher Seite Passepartouts geklebt werden, ist der Tag schon wieder rum. Es kam auch noch ein zweiter Tag mit Arbeit, an dem sogar schon die betreuende Lehrerin bei uns aufschlug. Das war erst das zweite Mal in all den Jahren, in dem ich überhaupt eine Lehrerin zu Gesicht bekommen hatte. Die wies dann die Praktikantin auf die Krankheitsregelungen – „Schule und Betrieb informieren!“ – hin. Ich dachte mir noch, dass das für ein Schülerpraktikum ja reichlich übertrieben wäre, aber da wusste ich noch nicht, dass ich die Lehrerin fast öfter als die Praktikantin sehen sollte.
Zwei Tage Arbeit am Stück waren dann doch zuviel. Am dritten Tag half dann nur noch die Krankheit. Diese 2:1-Quote war aber leider nicht weiter einzuhalten. Der erste Tag war telefonisch entschuldigt, wie lange diese Ausfälle dauerten war dagegen immer unklar. In der Zwischenzeit stellte sich eine andere Bewerberin vor. Sympathisch, aufgeschlossen und von mir dann auf den Dezember vertröstet.
Irgendwann kam die Praktikantin eins dann wieder um sich dann mal mit der Lehrerin hier vor Ort zu streiten. Donnerstags kam sie dann zu spät, freitags ging sie dann früher von wegen Termin beim Jugendamt. Von 10.30 bis 12.00 Uhr ist ja auch schon ziemlich anstrengend. Später kam dann wieder ein Anruf mit einer Entschuldigung in der dritten Person. Aber am letzten Tag stand sie dann wieder hier zum Arbeiten. Ich habe sie dann sofort nach Hause geschickt. Im Zeugnis standen 15 Tage Praktikum, 10 Fehltage, davon 5 unentschuldigt.
Ok. Einmal muss es ja schief gehen. Aber am Montag kam ja schon die nächste Praktikantin. Sogar schon mit Schulabschluss. Wie sich heraus stellen sollte, wollte Sie sich bei uns aus ihrer Lethargie und den Monaten des Nichtstuns befreien und wieder Anschluss ans Berufsleben zu finden. Vielleicht war es ja ein Fehler, so jemand gleich auf einen Achtstundentag zu verpflichten. Denn ab Tag zwei ward sie nicht mehr gesehen.
Ich nehm’ jetzt morgen erst mal meinen sechsjährigen Sohn mit zur Arbeit. Zwar nur für ein paar Stunden und wegen der etwas schwierigen Betreuungssituation zu Beginn der Weihnachtsferien, aber in Sachen Arbeitsethos hat selbst der einen kaum einzuholenden Vorsprung. Praktikanten nehmen wir natürlich auch noch.
Wieder da
Von Andreas Kesberger am 28.11.2009 0 KommentareKategorien: Allgemein
Da isser wieder. Der Blog. Wenn wir geahnt hätten wie sehr Frank Schirrmacher und sein Gehirn darunter leiden, dass ständig neue Informationen auf ihn einprasseln, dann hätten wir ja nie damit angefangen. Aber das haben wir ja nun einmal. Dann machen wir auch weiter. Außerdem ist es ja so, dass wir am Montag bei Beckmann gelernt haben, dass wir 25 Minuten brauchen, um uns wieder auf die Sache die wir gerade machen einzustellen wenn wir zwischendurch unterbrochen werden. In den 25 Minuten können wir das ja hier auch fertig schreiben.
Huuch geht jetzt doch wieder nicht. Da laufen gerade die Tagesthemen und dort wird berichtet wie sehr der Einzelhandel gerade im Weihnachtsgeschäft boomt. Huuch. Letzte Woche war noch ein Minus von 1,5% prognostiziert. Wenn das jetzt für das Monochrom-Weihnachtsgeschäft bedeutet, dass es irgendwo zwischen Boom und -1,5% liegen. Na, dann mal alle hereinspaziert.
So kann es gehen. Jetzt also doch wieder 25 Minuten warten. Wie schaffen es dann die FAZ-Artikel so lange zu werden? Haben die kein Telefon? Lesen die keine Emails? Ich weiß es nicht. Aber ist nicht wissen nicht einfach nur nicht konzentriert sein? Oder ist mein Gehirn schon onlinedeterminiert, dass ich gar nicht anders kann wenn ich überhaupt noch kann. Na zumindest haben wir den Methusalemkomplott überlebt.
Aber ich wollte ja einfach nur erklären, warum hier so lange nichts kam. Eigentlich steht es ja im Monochrom Weihnachtsnachtrag (wenn da auch mittlerweile Katalogergänzung drauf steht, aber wir feiern in vier Wochen ja auch keine Jahresergänzung). Dort wird ein Novoflex-Buch aus meiner Feder beworben. Was dann doch auch etwas Zeit kostet. Aber da seit vorgestern selbst das Register getippt ist und die Druckmaschinen sich langsam warm laufen, ist jetzt auch wieder Zeit für alternative Freizeitbeschäftigungen wie diesen Blog. Es hat sich schließlich einiges angesammelt in den letzten nur sporadisch gebloggten Monaten. Lassen Sie sich mal überraschen.
Schwarz wie die Nacht – Skia Photography
Von Andreas Kesberger am 24.07.2009 2 KommentareKategorien: Allgemein
Die Fotografie wird revolutioniert. Wieder mal. Dabei haben wir uns von der letzten Revolution doch kaum erholt. Aber ohne Fortschritt kein Ende der Wirtschaftskrise. Und das wollen wir doch alle.
Das schöne romantische Heidelberg, an einer Stelle, an der kaum eine Stadt schön und romantisch ist: am Bahnhof. Auch Heidelberg macht da keine Ausnahme. In der Media Print Akademie, die aussieht als hätte Hartmut Mehdorn hier schon mal für den Berliner Hauptbahnhof geübt, sind wir bei der Pressevorführung für ein neues Verfahren. Ob es jetzt ein fotografisches Verfahren oder eine Drucktechnik ist, lassen wir hier erstmal noch offen. Wir wissen ja noch nichts.
Damit wir mehr erfahren, geht es mit dem Bus ins Werk nach Wiesloch. Dort wartet Dieter Kirchner, der Erfinder der „Skia Photography“ oder, noch enthusiastischer, der HDSP, der „High Definition Skia Photography“, der immerhin Hubertus von Amelunxen bescheinigt, dass „zum ersten Mal alle sichtbaren Bestandteile, die von der Kamera erfasst wurden, auf den Abzug übertragen werden.“ Wenn es weiter nichts ist. So müssen wir uns das also vorstellen, als Daguerre damals zu Arago gesagt hat: „Du, ich hab da was, um Bilder aufzuzeichnen, eine kleine Leibrente und schon kannst Du das haben.“ Und wir mitten drin.
Aber da wir uns ja schon im 21. und nicht mehr im 19. Jahrhundert befinden, bekommt jetzt jeder ein Headset umgehängt und einen Kopfhörer aufs Ohr gestülpt. Wir sind ja schließlich in einer Druckmaschinenfabrik (laut) und nicht in einem Fotolabor (leise). Das haben wir begriffen, sonst aber erst mal nicht so viel, denn es rauscht und fiept und die nette Dame vom Marketing versteht man nur, weil sie direkt vor einem steht. Zumindest versteht man sie, wenn man den Kopfhörer wieder absetzt. Später stellt sich heraus, dass die Technik nur dann mitspielt, wenn von den vier Beteiligten immer nur der seinen Sender aktiviert, der gerade spricht. Was sich dann leider nicht immer in der Praxis einhalten lässt. Technik-Revolutionen sind eben nicht so einfach.
Aber noch sind ja alle Maschinen aus, und dementsprechend ist Dieter Kirchner auch zu verstehen. Er zeigt uns jetzt die Skia Photography im Einsatz an Hand eines Bildes von Manfred Hamm, der auch daneben steht. Kirchner müssen wir uns ungefähr wie einen großartigen Tüftler und Dunkelkammerdruiden – sein grauer Bart gibt ihm ja auch etwas Wolfgang Moerschiges – vorstellen, dem man aber nicht einfach einen Vergrößerer sondern eine riesige Druckmaschine in die Hand gedrückt hat. Und was da nach jahrelanger Arbeit an den Farben und Gammakurven rauskommt, ist erst einmal großartig. Von einer Offset-Maschine habe ich noch nie so gute Drucke gesehen. Den Buch- und Kalenderdruck kann das ganze locker revolutionieren. Das Buch „Ruhrgebiet“ von Ulrich Mack ist schon mal ganz, ganz wunderbar. Wie ein Buch, in das der Buchbinder einzelne Barytabzüge gebunden hat.
So ein Buch hat aber auch den Vorteil, dass eine Druckmaschine erst einmal nicht widersinnig ist. Das millionenteure Monster, das vor uns steht und dem gleich zwei Operateure beigestellt sind, schafft nämlich 18.000 Bögen pro Stunde. Das ist schon mal schön. Was nicht so schön ist, dass sie gleichzeitig auch nicht weniger als 100 Bögen schafft. Für jeden einzelnen Probeausdruck. Dieter Appelt druckt damit Vierer-Auflagen. Falls Sie demnächst günstig Kunst erstehen wollen, lohnt vielleicht der Gang zum Altpapiercontainer der örtlichen Druckerei.
Manfred Hamm hätte es bei unserer Pressedemo gern noch etwas dunkler. Rumms, rasen wieder die nächsten 100 Drucke auf die Europalette. Das Spiel machen wir noch zwei Mal. Dann ist der Künstler glücklich und die Palette voll. Hamm ist überhaupt glücklich. Da er die digitale Fotografie ablehnt – was man sich mit 65 auch gut leisten kann – und schon Multigrade-Papier als unbrauchbar für seine künstlerischen Visionen ansieht, rettet ihn jetzt diese Maschine. Was natürlich einigermaßen skuril klingt, wenn der Fotograf gleichzeitig sagt: „Digital kann ich nicht beurteilen, da habe ich keine Ahnung“. Die hat dafür Dieter Kirchner. Er scannt, bearbeitet und druckt die Bilder so, dass Manfred Hamm sie wieder beurteilen kann. Dichte 3,0 ist natürlich ein Wort. Und vor allem ein Wert, den wir demnächst auch einmal an dieser Stelle hinterfragen sollten, denn ob die gemessene Dichte von 2,3 (Analog-Baryt-Abzug), 2,6 (Inkjet-Baryt-Print) und 3,0 (Skia) wirklich visuell so unterschiedlich ist, dass interessiert uns dann doch für die Zukunft.
Später. Jetzt stehen wir erst einmal vor dieser Dichtewand und staunen. Wahrscheinlich ließe sich das noch viel mehr genießen, wenn nicht das ganz Brimborium drumherum wäre. Sprüche wie „Fotopapier ist immer unscharf“ helfen nicht immer wirklich weiter. Und die bei Spiegel-Online gezeigten Vergleiche, die glauben wir erst, wenn wir jemand, dem wir zutrauen wirklich scharfe Vergrößerungen zu machen, damit haben arbeiten sehen (unsere eigenen Vergleiche zwischen digitaler Inkjetausgabe und Vergrößerungen im Quadratmeterbereich haben nämlich keine Unterschiede gezeigt).
Auch nicht unbedingt hilfreich sind die Angaben der Beteiligten zum Papier. Plötzlich haben wir im fiependen Ohr die Aussage Kirchners, es handele sich hier um Papier mit Barytschicht. Und speziell dafür entwickelt ist es ja sowieso. Da das mit der Ohrübertragung hier so eine Sache ist (und eine Baritage ja auch Geld kostet), frage ich noch einmal bei der Dame vom Marketing nach. Ehrliches Bejahen und ich bin zumindest ob des Einsatzes beeindruckt. Das ändert sich aber später am Abend, als ein Mitarbeiter des Papierherstellers neben mir beim Durchblättern des Buches steht. Barytschicht? Nee, „das ist unser Schachtelkarton Premium“. Premium haben wir auch nicht bestritten.
Was an den Prints wirklich gelungen ist, ist die letzte Beschichtung, die dem Ganzen etwas mehr Tiefe gibt, was von Kirchner mit der Wirkung der Gelatine beschrieben wird und uns besonders gefällt, weil es der Oberflächenempfindlichkeit des Inkjets etwas entgegen setzt (wobei sich die druckfrischen HDSP-Bögen durchaus noch mit Fingerabdrücken verzieren lassen).
Was wir an der neuen Technik nicht ganz unproblematisch finden, ist der Ansatz von Kirchner zwei Bildtöne zu liefern. Er bezeichnet das als analog zur Hydrochinon- und Methol-Entwicklung. Aber Splittone-Geschichten, bei denen die Lichter einen anderen Ton erzielen als die Schatten, fanden wir eigentlich schon immer ziemlich albern, aber das ist ja Geschmacksache.
Problematischer ist natürlich, dass es der derzeit eine One-Man-Show ist. Kirchner will das Ganze zwar so standardisieren, dass der Druck genauso in Singapur wie in Hannover aussieht, aber ob das bei der Druck- und erst recht Datenaufbereitung durchsetzbar ist, wagen wir ja zu bezweifeln. Darum begeben sich die bisher beteiligten Fotografen ja auch so gerne in die helfenden Hände. Nur ob die helfenden Hände eines perfekten Laboranten der Klasse Petscheleit und Rohner oder eines perfekten Inkjetprinters der Klasse Michael Maria Müller nicht doch zu ähnlichen Ergebnissen vom gleichen Negativ kämen, das haben wir eben nicht sehen können.
Skia Photography ist natürlich alles andere als green photography. Dieter Appelt arbeitet mit einer Auflage von vier, d.h. selbst wenn der erste Print schon perfekt war, sind 96% Ausschuss. Da schlagen wir doch gerne die Heidelberger Pressemappe auf. Und was lesen wir da: „Dabei kommt dem Umweltschutz eine nachhaltige Bedeutung zu. Der Ressourcenverbrauch sowie Emmissionen und Abfälle werden durch Maßnahmen in der Entwicklung, der Produktion und der Nutzung von Druckmaschinen reduziert.“ Steht da wirklich.
Ganz besonders wichtig nach Aussage aller Beteiligten sind die großartigen Haltbarkeitswerte. Die geben zwar nach Blauwollskala (8) und den ISO-Werten des Papiers, ähem, des Schachtelkartons Premium (500 Jahre) zu besten Hoffnungen Anlass, aber genauere Werte als „hält 500 Jahre“ in Form von unabhängigen Testresultaten etwa von Wilhelm Research liegen leider noch nicht vor. Zumindest ist die Fogra wohl beauftragt, aber dort tut man sich ja mit so unwissenschaftlichen Jahreszahlen meist etwas schwer.
Wir schließen ja nicht aus, den großartigsten Fotobuchdruck aller Zeiten gesehen zu haben, die vom Spiegel propagierte „Umkrempelung des Kunstmarkts“ aber wahrscheinlich eher nicht. Revolutionen sind halt mit und ohne Headset eine anstrengende Sache.